Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Vom Schenken und Beschenkt werden

Vom Schenken und Beschenkt werden

Predigt zu Heiligabend
Pastorin

Andrea Busse

Christvesper für Familien

Der kleine Hirte und der große Räuber von Lene Mayer-Skumanz

Liebe Kinder, lieber Erwachsene,

wenn es hier und heute um Geschenke geht, dann müssen wir natürlich fragen – was hat eigentlich das Geburtstagskind damals bekommen? Seine Eltern waren wohl zu arm, um ihm etwas zu schenken. Aber es kam ja auch noch Besuch, der durchaus wohl­habend war: Die heiligen drei Könige. Die waren natürlich reicher und hatten auch Geschenke mit: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Alles sehr edle Geschenke, aber vielleicht nicht gerade praktisch für ein Baby. Solche klugen Leute wie die Weisen aus dem Morgenland wissen es vielleicht einfach nicht besser.
Die Hirten waren da sicher praktischer veranlagt. Es steht zwar nichts davon in der Bibel, aber ich kann mir vorstellen, dass sie dem Kind auch etwas mitgebracht haben. Zu­mindest habe ich von einem kleinen Hirten gehört, der dem Kind ein ganz besonderes Geschenk machte. Und dessen Geschichte möchte ich euch heute erzählen:

In jener Nacht, als die Schafweide vom Glanz der himmli­schen Boten erfüllt war, hörte auch ein kleiner Hirte die Nachricht von der Geburt des Gottessohnes. Er stand auf, rollte seine Decke zusam­men, füllte einen Krug mit Milch und packte Brot und Schinken in ein Bündel. Das alles wollte er dem göttlichen Kind als Geschenk mitbringen. Voller Freude machte er sich auf den Weg nach Bethlehem. In dieser Gegend hauste ein großer Räuber. Von seiner Höhle aus sah er den hellen Schein über der Schafweide. Er hörte jubelnden Gesang, aber er konnte die Worte nicht verstehen. Er dachte: „Die feiern ein Fest, ich aber sitze allein in meiner Höhle und mein Magen knurrt vor Hunger. Ich will mich anschleichen und sehen, was ich rauben kann.“

Kaum war der große Räuber aus seiner Höhle herausge­kommen, da musste er sich hinter einem Baum verstecken. Denn einer nach dem anderen zogen die Hirten an ihm vorbei. Sie schleppten Körbe mit Käse und Honig, sie trugen Rucksäcke voll Wolle und einer führte sogar ein Lamm mit sich. Der letzte in der Reihe war der kleine Hirte. Er ging langsam, denn seine Last war schwer. In der einen Hand trug er das Essensbündel, in der anderen den Krug; und die Rolle mit der Decke hatte er sich um die Schultern gelegt. Der Räuber sah, wie der Abstand zwischen dem kleinen Hirten und seinen Ge­fährten immer größer wurde. „Das ist mir recht“, dachte der große Räuber. Und er schlich dem kleinen Hirten nach und lauerte auf eine Gelegenheit, ihn zu überfallen.
In dieser Nacht aber herrschte ein seltsames Kommen und Gehen auf allen Wegen. Gerade die Ärmsten im Lande konnten nicht schla­fen. Viele krochen aus ihren Hütten, sahen zum Himmel hinauf und fragten, ob etwas Besonderes geschehen sei. Auch ein alter Mann stand vor seiner Tür, als der kleine Hirte vorüberging. Der alte Mann schlug die Hände um seinen Leib und er trat von einem Bein auf das andere.
„Was ist mit dir?“, fragte der kleine Hirte.
„Ich friere“, sagte der alte Mann. „Vor Kälte kann ich nicht schlafen.“
Da nahm der kleine Hirte die Decke von den Schultern und gab sie dem alten Mann.
„Nimm nur. Dem kleinen Gottessohn ist es sicher recht, wenn du seine Decke hast.“
Der große Räuber, der dem kleinen Hirten nachgeschlichen war, ärgerte sich.
„Schenkt der die Decke her, die ich rauben will!“
Bald darauf fand der kleine Hirte ein Mädchen, das saß vor seiner Hütte und weinte.
„Was ist mit dir?“, fragte er.
„Ich habe Durst“, klagte das Mädchen. „Vor Durst kann ich nicht einschlafen. Und der Weg zum Brunnen ist weit und finster.“
Der kleine Hirte gab dem Mädchen den Krug mit der Milch.
„Nimm nur. Dem kleinen Gottessohn ist es sicher recht, wenn du seine Milch trinkst.“
Das Mädchen freute sich, aber der Räuber, der dem kleinen Hirten nachgeschlichen war, ärgerte sich noch mehr.
„Schenkt der die Milch her, die ich rauben will! Ich muss mich beeilen, dass ich wenigstens das Bündel erwische.“
Und sein hungriger Magen knurrte ganz laut in der stillen Nacht. Bei der nächsten Wegbiegung sprang der Räuber mit einem gewal­tigen Satz auf den kleinen Hirten los. Der kleine Hirte sah den großen Räuber an:
„Ist das dein Magen, der so schrecklich knurrt? Die ganze Zeit schon höre ich dieses Knurren hinter mir. Du tust mir leid. Da, nimm und iss! Dem kleinen Gottes­sohn ist es sicher recht, wenn ich dir sein Essen gebe.“
Der Räuber aß das Brot und den Schinken und ließ nicht das kleinste Stückchen übrig, aber es wurmte ihn, dass er das Essen geschenkt bekommen hatte.

Auch der kleine Hirte war nun etwas traurig. „Jetzt muss ich mit leeren Händen vor dem kleinen Gottessohn stehen. Aber hingehen und ihn begrüßen will ich doch und ihm sagen, dass ich mich über seine Geburt freue.“ Und er erzählte dem Räuber, was die himmlischen Boten verkündet hatten. Der Räuber dachte: „Wenn Gottes Sohn geboren ist, kom­men bestimmt auch alle reichen Leute und es wird ein herrliches Fest. Ob da für mich was abfällt?“ – „Komm doch mit!“, sagte der kleine Hirte mitten in die Gedanken des großen Räubers, und der große Räuber ging mit ihm.

Und bevor wir hören, wie es mit den beiden weiterging, werden jetzt die Hirten herbeigesungen. Ein Lied, das Räuber herbei singt, gibt es leider nicht. Deswegen singen wir gemeinsam „Kommet ihr Hirten“

Lied: Kommet, ihr Hirten

Der kleine Hirte und der große Räuber gingen also ge­meinsam Richtung Bethlehem. Und als sie dort ange­kommen waren, staunte der Räuber sehr. Denn da fanden sie nur einen Stall, in dem die Hirten ein- und ausgingen, und eine junge Mutter, die aus der Hirtenwolle eine kleine Decke webte, und einen armen Mann, der Bretter zu einem kleinen Bett zusammenfügte. Das göttliche Kind lag in einer Krippe, mit nichts als ein bisschen Stroh und ein paar Windeln unter sich. „Diesem Kind habe ich das Brot und den Schinken wegge­gessen“, dachte der große Räuber und schämte sich.

„Schau, Jesus“, sagte die Mutter Maria, „da ist ein kleiner Hirte zu dir gekommen; er hat dir einen großen Räuber mitgebracht.“ Die Mutter Maria lächelte den kleinen Hirten an und der verstand auf einmal, dass er doch nicht mit leeren Händen gekommen war.
Und die Mutter Maria lächelte den großen Räuber an und der war ganz verwirrt und dachte: „Da stimmt etwas nicht! Große Räuber tun keinem leid, sie bekommen nichts geschenkt und werden von niemandem angelächelt. Mir scheint, ich bin gar kein großer Räuber mehr.“
„Mir scheint“, sagte in diesem Moment die Mutter Maria „du könntest ein großer Hirte werden. Du bist so stark. Starke Hirten braucht man immer.“
„Ich will’s versuchen“, brummte der große Räuber, der eigentlich schon keiner mehr war. Und sie verabschiedeten sich und gingen den Weg zu der Schafweide zurück; ein kleiner Hirte und ein großer Hirte. (Lene Mayer-Skumanz)

 

Da kriegen viele etwas geschenkt in diese Nacht: der frierende alte Mann eine Decke, das durstige Mädchen Milch und der hungrige Räuber Brot und Schinken. Aber obwohl all diese Dinge eigentlich die Falschen geschenkt kriegen, die natürlich in diesem Moment genau die Richtigen sind, also obwohl all diese Geschenke, die der kleine Hirte für das Kind geplant hatte, schon vergeben sind, geht das Kind in der Krippe trotzdem nicht leer aus: Die anderen Hirten bringen Käse und Honig, Wolle und ein Lamm. Und der kleine Hirte kommt doch nicht mit leeren Händen, er hat vielleicht sogar das größte Geschenk von allen dabei: einen großen Räuber. Und auch der kriegt mehr als nur Brot und Schinken für seinen knurrenden Magen. Er bekommt ein Lächeln von Maria geschenkt. Und – ein völlig neues Leben. Aus dem großen Räuber, der nicht mehr rauben kann, weil er ge­schenkt bekommt, was er braucht, aus ihm wird ein großer Hirte. Da ändert sich mal eben ein ganzes Leben im Angesicht des Kindes.

Und genau deswegen gibt es auch bei uns an Weihnachten Geschenke. Mit all unseren Geschenken unterm Tannen­baum erinnern wir an das eine große Geschenk, das erste Geschenk dieser Heiligen Nacht: ein Kind. So eine Geburt ist eigentlich die natürlichste Sache der Welt. Jeden Tag werden Tausende Kinder geboren. Aber – und ich denke mal alle Eltern stimmen mir hier zu – natürlich sind unsere Kinder das größte Geschenk unseres Lebens. Und dieses Kind im Stall ist das größte Geschenk nicht nur im Leben seiner Eltern – sondern für alle. „Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“ sagt der Engel „Euch ist heute der Heiland geboren.“

Ein Heiland, einer, der Dinge heil machen kann, der Menschen heilen kann, einer, der aus einem Räuber einen Hirten macht, aus einer dunklen Nacht eine helle, aus traurigen Menschen fröhliche, aus einem armen Stall den Mittelpunkt der Welt, aus uns zusammen gewürfelten Leuten heute Abend eine Festgemeinde.
Und so wünsche ich mir, dass heute Nacht viele Menschen an diese Krippe treten. Dass gerade die, die sich fehl am Platz fühlen, angelächelt werden. Dass wir alle das Kind sehen und wissen, wenn wir gehen, sind wir andere. Und alles kann heil werden. Amen.