Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Was bringt die Zukunft?

Was bringt die Zukunft?

Predigt am 6. November
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienstz am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

Predigt zu Lukas 17, 20-24

Predigttext:

Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch. (Lukas 17, 20f)

Predigt:

Was bringt die Zukunft? Für mich persönlich? Für meine Familie? Für unsere Gesellschaft? Für diese Welt?
Was erwarten wir, was befürchten wir, was erhoffen wir?
Diese Fragen haben sich Menschen schon immer gestellt. Und man hat schon immer versucht, Antworten darauf zu finden. Möglichst eindeutige. Es gab zu allen Zeiten Menschen, die überzeugt waren: Die Zeichen für ein absehbares Ende – manche sagten auch für den Weltuntergang – sind jetzt schon sichtbar. Diese Vorstellung heißt Apoka­lyptik. Man findet sie in der Bibel und – oft nach biblischer Vorlage – auch in der Literatur oder im Kino. Da wird dann ein großes Drama nach himmlischem Drehbuch inszeniert. Als Vorzeichen für solche Weltuntergangsszenarien werden oft Hungernöte und Kriege, Dürren und Seuchen genannt. Das kommt uns alles bekannt vor. Der wissenschaftliche Blick in die Zukunft sieht oft ähnlich düster aus: Umweltverschmutzung, Erderwärmung, Über­bevölkerung, Möglichkeiten des Overkills.

Es gab aber auch immer andere Antworten auf die Zukunfts­fragen, die nicht oder nicht nur die Ängste in den Blick nahmen, sondern die Sehnsüchte, Hoffnungen, Visionen formulierten. Fragen wir den Psalmdichter, der vor Jahrtausenden lebte, was er für die Zukunft hofft, dann sagt er:

Ich hoffe, dass Güte und Treue einander begegnen
Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen.
Dass Treue auf der Erde wachse. (Psalm 85)

Fragen wir den Propheten Micha, der im 8. Jh vor Christus lebte, welche Vision von der Zukunft er hat, dann schreibt er:

Dass die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden nicht mehr lernen Krieg zu führen. Jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen und niemand wird in Schrecken leben. (Micha 4)

Und dann haben wir die Konfirmanden und Konfirmandinnen des neuen Jahrgangs befragt, die alle im 21. Jh geboren sind, was sie von der Zukunft befürchten und erhoffen – und sie sagen Folgendes:

Maya
Was uns persönlich angeht, befürchten wir gefährliche Krank­heiten und dass wir selbst – z.B. durch einen Autounfall -sterben könnten oder dass Freunde und Familienmitglieder sterben. Eine andere Angst ist, dass die Obdachlosigkeit weiter zunimmt.

Madeleine
Was die ganze Welt betrifft, haben wir Angst, dass große Länder und Mächte sich weiter ausweiten werden oder dass es zu einem Atomkrieg zwischen Russland und den USA kommen könnte. Wir befürchten auch, dass es zu weiteren schlimmen Überschwemmungen kommt, dass noch mehr Tierarten aussterben und die Menschheit den Kampf gegen den Klimawandel verliert und es zur Erderwärmung kommt.

Carla
Wenn wir in die Zukunft blicken, haben wir zum Teil ganz persönliche Wünsche, wie z.B. viele Sportturniere zu gewinnen, schönen Feiertage zu erleben, den Traumjob zu finden, eine eigene Familie aufzubauen, ein wohlhabendes Leben führen zu können – und dass Deutschland die Fußballweltmeisterschaft gewinnt.

Johanna
Wenn wir uns Gedanken machen über die Zukunft der Welt, dann hoffen wir, dass die Inflation abnimmt, Corona irgendwann weg ist und keine neuen großen Viren kommen. Wir wünschen uns, dass der Ukrainekrieg aufhört und die Klimakrise aufgehalten wird. Überhaupt hoffen wir auf Gleichheit und Wertschätzung zwischen den Menschen und auf eine Welt, in der Freude, Liebe und Frieden herrschen.

Was würden Sie, die Erwachsenen sagen, die Sie vermutlich alle im 20. Jh geboren sind? Wie sehen Sie in die Zukunft? Ich glaube, vieles, was den Jugendlichen Angst macht und wonach sie sich sehnen, würden wir ähnlich benennen.

Auch die Pharisäer, die zur Zeit Jesu lebten, hatten ihre Antwort auf die Frage, was die Zukunft bringt. Sie sind fromme Schrift­gelehrte. Sie haben die Psalmen gelesen und studiert und den Propheten Micha und viele andere biblische Zukunftsstimmen. Sie sehen die bedrohlichen Entwicklungen, aber sie sind überzeugt, dass Gott selbst irgendwann auf der Erde eingreift und dass damit alles gut wird, dass es dann endlich gerecht zugeht und friedlich. Sie haben eine Kurzformel für diese Zukunftsvision, sie nennen sie das „Reich Gottes“. Sie glauben fest daran, dass das so kommt, sie wüssten nur gerne wann! Und diese Frage stellen sie Jesus: Wann kommt das Reich Gottes?

Aber Jesus liefert ihnen kein Datum. Er beschreibt auch keine apokalyp­tischen Szenarien. Irgendwelchen düsteren Zukunfts­visionen erteilt er eine Absage: „Es wird keine äußeren Zeichen geben“, sagt er. Das ist alles viel unspektakulärer. „Guckt hin“, sagt er, „das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Die Reaktion der Pharisäer wird nicht berichtet. Ich könnte mir vorstellen, dass sie enttäuscht waren. Reich Gottes, das ist für sie der Inbegriff dafür, dass alles gut wird. Mehr noch: Dass da jemand ist, der alles gut macht. Im Endeffekt, dass Gott vom Himmel herabkommt, einer, der unsere Zukunftsprobleme für uns löst und die Welt für uns rettet. Diese Sehnsucht ist total menschlich.

Auch wir finden vermutlich, dass nicht wir die Zukunftsprobleme unserer Zeit lösen können. Dass das andere tun müssten: Politiker, Wissen­schaftlerinnen, die eben mit Macht oder Geld oder Expertise oder am besten allem zusammen. Wir suchen den großen Gegenentwurf zu den Putins der Welt, jemand der oder die weise herrscht, menschlich, gerecht und den finden wir nicht bei uns auf der Erde. Und deswegen geht der Blick in den Himmel. Das ist einerseits klug. Damit haben wir begriffen: Wir Menschen allein können eben nicht für eine gerechte, friedliche, nachhaltige Zukunft sorgen. Das überfordert uns. Wir brauchen Gott für unsere Zukunft. Aber umgekehrt braucht auch Gott uns für seine Zukunft. Jemand hat es einmal so ausgedrückt: „Gott braucht unsere Hände. Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände.“ Er kann nur mit unseren Händen Zukunft bauen.

Das meint die Formel „Reich Gottes unter uns“. Zukunft geht nicht ohne Gott, sie geht aber auch nicht ohne uns. Wir können diese Welt nicht aus eigener Kraft retten, aber ohne unseren Einsatz geht es auch nicht. Vieles ist uns unverfügbar, aber wir können und müssen auch aktiv gestalten. Und zwar jetzt! „Reich Gottes unter uns“ ist nicht nur eine Zukunftsvision, sagt auch Jesus, es fängt definitiv schon jetzt an. Und das ist die positive Botschaft unseres Glaubens: Der christliche Glaube blendet die düstern Zukunftsängste nicht aus – wie gesagt, es gibt auch die apokalyptischen Szenarien in der Bibel – aber Jesus sagt: Guckt hin! Wo Liebe und Achtung zwischen Eltern und Kindern herrscht – da ist Reich Gottes. Wo wir einander beistehen, wenn Hundertausende aus der Ukraine zu uns flüchten – da ist Reich Gottes. Wo Menschen sich gegenseitig trösten – da ist Reich Gottes. Wo kreative Ideen entwickelt werden und man sie nicht mit angeblichem Pragmatismus gleich wieder im Keim erstickt – da ist Reich Gottes. Wo Jugendliche wie ihr auf eine Welt in Frieden und Liebe hoffen – da ist Reich Gottes.

„Guckt hin“, sagt Jesus, „das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Das heißt, das Gute, das Heilsame steckt im Keim schon in uns. Zwischen Schwarzmalerei von Verschwörungs­theoretikern und berechtigen Zukunftsängsten können trotz allem optimistische Visionen gedeihen. Die Formel „Reich Gottes“ heißt für mich auch, dass wir der mensch­lichen Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach Gerechtigkeit und Friede mehr Durchsetzungskraft zutrauen können. Der christliche Glaube ist die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Trotz aller gegenteiliger Zeichen. Christlicher Glaube heißt: „Fürchte dich nicht!“, heißt sich keine Angst machen lassen und daran glauben, dass im Hier und Jetzt mit unserer Hilfe etwas Gutes entstehen und wachsen kann. Wir haben den Auftrag, das zu gestalten, aber wir sind nicht allein dafür verantwortlich. Wir sind gefordert, aber nicht überfordert. Wir müssen und können nicht die Welt retten – das kann nur Gott – aber er braucht uns dazu. Auch und gerade euch Jugendliche. Amen.