Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Was man von hier aus sehen kann

Was man von hier aus sehen kann

Predigt im 3. Literaturgottesdienst
AUFBRUCH am 19. September 2021
Pastorin

Andrea Busse

Predigt zu Mariana Leky, "Was man von hier aus sehen kann" als Sehhilfe für das Reich Gottes

Mariana Leky, was man von hier aus sehen kann

Inhaltsangabe:

Marina Leky erzählt in ihrem Buch von einem Dorf irgendwo im Westerwald und von seinen Bewohner:innen: Im Mittelpunkt stehen die Ich-Erzählerin Luise und ihre Oma Selma, die sie aufgezogen hat, weil ihre Mutter nie so richtig anwesend war, sondern immer mit der Frage beschäftigt, ob sie den Vater von Luise verlassen soll. Dieser wiederum verlässt das Dorf und zieht durch die weite Welt, weil er es mit dieser abwesen­den Frau und ihrer Frage nicht länger aushält. Luise bleibt, sie bleibt bei ihrer Oma und beim Optiker, der so eine Art Lebensgefährte von Selma ist, auch wenn er ihr seine Liebe erst gesteht, als sie stirbt. Zuerst stirbt aber Luises bester Freund Martin, und zwar als beide gerade mal 10 Jahre alt sind. 10 Jahre später verliebt sich Luise. Leider ist Frederik buddhistischer Mönch und lebt nicht im Westerwald, sondern in Japan. Und 10 Jahre lang bleiben beide dort, wo sie sind: Er im buddhistischen Kloster in Japan, sie bei ihrer Oma im Westerwald.

1. Lesung in Auszügen S. 71-72+82-84

Die Ich-Erzählerin Luise selbst bricht erst ganz am Ende des Romans auf, im Epilog. Eigentlich viel zu spät, eigentlich hat man sich gerade erst bis zum Happy End hindurch gelesen: Die beiden Liebenden scheinen es endlich zu schaffen, gemeinsam an einem Ort zu sein – im Westerwald nämlich. Und dann geht ausgerechnet Luise, die den ganzen Roman über in ihrem kleinen Dorf ausgeharrt hat. Dann treibt es sie plötzlich, in die weite Welt ziehen:

2. Lesung Epilog S. 313- 314

Kurzpredigt

„Und dann sehen wir weiter“ – sagt Frederik zum Schluss. Damit ist eigentlich alles gesagt: Darum geht es bei Auf­brüchen. Darum, dass man dann weiter sieht, weiter sehen kann als bisher, darum, dass sich das Blickfeld weitet. „Was man von hier aus sehen kann“- so der Titel des Buches. „Was man von hier aus sehen kann“, reicht manchmal einfach nicht.
Oder: Man kann von hier aus weiter sehen, wenn man „die Welt hereinlässt“, wie Luises Vater sagen würde.
Oder man muss eben mal in die Welt hinausgehen – und sei es nur für 4 Wochen – damit man weiter sehen kann. So macht es Luise schließlich. Was der Optiker nicht versteht, obwohl er ja Experte für das Sehen ist.
Und Oma Selma ist schon immer sehr weitsichtig, obwohl sie stets in ihrem Haus blieb. Sie sieht sogar den Tod voraus. So wird sie im Klappentext charakterisiert, als diejenige, die im Traum vorhersehen kann, dass bald jemand stirbt.

Bei den Aufbrüchen in Mariana Lekys Buch geht es nicht nur um das Gehen, sondern vor allem um das Sehen: Anhand der einzelnen Protagonisten wird das Sehen durchdekliniert und in Verbindung gesetzt mit dem Gehen, dem Gehen Müssen, Gehen Wollen, Bleiben Können. Insofern stellt dieser liebenswerte Roman schon in seinem Titel die Frage an uns:
Was können wir von hier aus sehen und was nicht?
Blinde Flecken haben wir ja alle. Das Problem daran ist: Man sieht sie nicht, das liegt in der Natur der Sache. Bei anderen ja, bei sich selbst meistens nicht. Man merkt erst, wie dünn der Boden in manchen Lebensbereichen ist, wenn man durchbricht, so wie Selma in ihrem Haus.
Was können wir von hier aus sehen?
Können wir die „herrliche Symphonie aus Grün und Blau und Gold“ sehen oder nur die selbstverständlichen Tannen, Sträucher, Felder? Hamburgs Straßen, Häuser, Autos?
Können wir weit genug sehen?

Luise bricht schließlich nach Australien auf „wegen der Weite dort“. Wer die Weite aus dem Blick verliert, bei dem wird es eng. Manch einer mag das kuschelig finden, in der eigenen Kom­fortzone zu verharren. Aber das Problem an Komfortzonen ist ja, dass sie die Tendenzen haben zu schrumpfen. Wer nicht regelmäßig an den Rändern dieser Zonen entlangläuft oder auch mal daraus aufbricht und Grenzen überschreitet, für den zieht sich der Radius immer mehr zusammen. Weil Neues und Ungewohntes dann Angst machen. Das Wort „Angst“ kommt ja von „Enge“. Wer immer enger wird, wird auch immer ängst­licher. Und wer immer ängstlicher wird, wird immer enger. Da dreht man sich im Kreis. Noch dazu in einem Kreis, dessen Radius immer kleiner wird. Und was macht man, wenn man Angst hat? Man setzt Scheuklappen auf, damit auch der Blick immer enger wird. Ja nicht die Welt hereinlassen ins Sicht­feld.

Das Westerwald-Dorf ist natürlich auch mit Menschen bevöl­kert, die uns dieses Lebens­modell vor Augen führen: Eng ist der Radius, das Blickfeld, die Meinung. Man spürt förmlich die Enge und hat das Gefühl, da hilft nicht mal aufbrechen, da hilft nur noch aufsprengen. Ausbrechen oder Aufbrechen muss nicht mit dem Rucksack auf dem Rücken sein oder mit einem Flugticket in der Tasche. Aufbruch kann auch heißen: Da werden mir die Augen aufgetan.

Unser Glaube ist für mich oft wie eine Sehhilfe, die den Blick weitet. Da werden mir die Augen aufgetan für eine andere Wirklichkeit als die, die mir tagtäglich vor Augen ist. Da wird die Welt, mein Alltag durchlässig für eine andere Bedeutung, einen tieferen Sinn, der hinter allem steht. Da ist mein Nachbar nicht nur der Mensch, der neben mir wohnt, sondern mein Nächster. Die Bäume auf die ich von meinem Fenster aus schaue, sind nicht Ergebnis des Begrünungsplans der städtischen Behörde, sondern Gottes wunderschöne Schöpfung. Mein Kind, das ich morgens zur Schule schicke, ist nicht ein nöhlender Teenager, der mal wieder zu spät dran ist – das natürlich auch – aber in erster Linie ist er Geschenk Gottes, Wunder meines Lebens. Ein heftiger Streit mit einer Freundin entpuppt sich im Nach­hinein als göttlicher Tritt in den Hintern, damit ich etwas an­gehe, was ich lange vor mir hergeschoben habe. Menschen werden mir zum Engel, selbst oder gerade dann, wenn sie unbequem sind. Sie, die sie heute hier sitzen, sind nicht nur eine konkrete Anzahl per Luca-App registrierter Personen, sondern „Gemeinschaft der Heiligen“. Und ein Stück Brot und ein Schluck Wein ist nicht nur ein Geschmack im Mund, son­dern Vorgeschmack auf das Reich Gottes.

Reich Gottes – das, was Jesus in vielen Bilder predigt – ist für mich eigentlich nichts anderes, als unsere Welt – wahrge­nommen durch einen geweiteten Blick, der dann eben auch darüber hinausgehen kann. Unsere Welt ist – gesehen mit Herz und Seele – eben so viel mehr als das, was unsere Netzhaut einfängt.
Was kannst du von hier aus sehen?
Kannst du sehen, dass diese Welt durchlässig ist, für Gottes Wirklichkeit?

Es ist kein Zufall, dass es in der Bibel so viele Blindenheilungen gibt. Da geht es nie nur darum, dass ein Mensch wieder seinen Nachbarn sehen kann und sein Haus, den Baum davor und die Straße, die er entlang gehen will. Da geht es immer auch darum, dass Menschen die Augen aufgetan werden für Jesus und seine Botschaft vom Reich Gottes. Von manchen, die Jesus sehend gemacht hat, wird berichtet, dass sie ihm nachfolgen. Von seinen Jüngern, die die Blinden­heilun­gen beobachten, wird erzählt, dass sie verstehen, wer Jesus ist.

Reich Gottes – das ist für mich eine Formel für den Aufbruch aus der Enge dieser Welt. Was können wir denn schon von hier aus sehen von dieser Welt? Wir sehen all das Leid – den Hunger, die Armut. Wir sehen all die menschliche Grausamkeit – Verfolgung, Krieg und Terror. Wir sehen all die Ungerechtigkeit zwischen arm und reich, ohnmächtig und mächtig. Von hier aus sehen wir eine Wirk­lichkeit, die uns verun­sichert und belastet. Was wir von hier aus sehen, das macht mir Angst.

In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

– sagt Jesus, und will uns die Augen öffnen für das Reich Gottes. Für einen neuen Himmel und eine neue Erde, die noch nicht da sind, aber schon begonnen haben.
„Reich Gottes in unser Leben hereinlassen“ – sage ich mal in Anlehnung an Luises Vater – darum geht es.
Wie man das macht? So unterschiedlich wie die Menschen im Westerwald-Dorf! Manche müssen wirklich ihren Standpunkt verändern, damit sie eine andere Perspektive kriege. Manche müssen ihre Koffer packen – für kurz oder lang – und ent­decken dann, wenn sie zurückkommen die herrliche Symphonie ihres Alltags wieder ganz neu. Manche müssen ausbrechen aus ihrer Komfortzone und neue Lebensmodelle wagen. Manche sind dort, wo sie sind, weitsichtig genug, können in Träumen andere Wirklichkeiten ahnen. Was man von hier aus sehen kann – ist nicht alles. Uns ist viel mehr versprochen. Mögen wir immer wieder Bücher finden, die uns die Augen für diese andere Wirklichkeit öffnen. Das wichtigste dieser Bücher ist sicher die Bibel, aber auch andere Geschichten können uns zu Sehhilfen werden.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn. Amen.