Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Weihnachten – ganz anders als erwartet

Weihnachten – ganz anders als erwartet

Predigt zu Heiligabend
Pastorin

Andrea Busse

Gedanken zu Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2

Ganz anders als erwartet

 

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.

Von zwei jungen Frauen will ich Ihnen heute erzählen. Die eine heißt Annika und hat vor wenigen Tagen ein Kind bekommen. Ein „Coronakind“, also eines der vielen im März im Lockdown gezeugten Kinder, es ist ihr zweites. Annika und ihr Mann Torben haben sich gefreut über die Schwanger­schaft, die ersten Monate mit fröhlicher Aufregung, mit Planungen, Wohnung Umräumen, Platz machen für das neue Geschwisterchen. Mit der zweiten Corona-Welle stieg auch der Pegel der Sorgen: Torben ist selbstständig, Annika in der Tourismus­branche, doch lieber keinen neuen Kinderwagen kaufen? Ängstliche Fragen: Kriegen wir das alles hin? Eigentlich war auch geplant, dass Annikas Mutter anreist, wenn das Baby kommt, dass sie ein bisschen im Haushalt hilft, sich um die 3-jährige Lea kümmert, mit ihr die Wohnung weihnachtlich dekoriert und die Plätzchen backt. Aber die Oma wohnt in Süddeutschland, müsste quer durch die Republik fahren und sie hat Diabetes, gehört zur Risikogruppe.
Irgendwann war dann klar: Weihnachten wird ganz anders als geplant, ganz anders als erwartet. Kein Besuch, nur die Kleinfamilie. Plätzchen und Deko schaffen sie kaum. Annika fühlt sich im Moment von allem überfordert, Torben ist hilflos, Lea trotzig. Mit zwei kleinen Kindern in einen Gottesdienst draußen – viel zu kalt, oder Gottesdienst drinnen – nicht genug Platz. Krippenspiel, was die Kleine so liebt, gibt es in diesem Jahr sowieso nicht, und singen darf man auch nicht. Annika schwankt zwischen schlechter Laune und Heulen.

Sie hat sich das so anders vorgestellt: Weihnachten das erste Mal zu viert, mit glücklichen Großeltern, die sie umsorgen, gemeinsam in der Familie, stimmungsvolles Krippenspiel, schön essen gehen am 1. Weihnachtsfeiertag – alles entfällt. Enttäuschung pur. Weihnachten ganz anders als sonst, ganz anders als erwartet – wie bei so vielen von uns.

Die andere Frau, von der ich heute erzählen will, heißt Maria. Als sie von der Schwangerschaft erfahren hat, war sie geschockt. Noch nicht verheiratet, hatte sie Angst, dass ihr Verlobter Josef sie sitzen lässt. Er hat zu ihr gehalten, Aufatmen. Alles kann ganz normal werden. Auch wenn da so eine Ahnung ist, dass dieses Kind etwas Besonderes sein soll. Aber findet nicht jede Mutter ihr erstes Kind besonderes, stellt nicht jedes Kind das Leben auf den Kopf. Maria hat ein bisschen geträumt: Von der kleinen Familie, ein gemein­sames Leben in Nazareth, Josef ist Zimmermann, das ist krisensicher. Das normale Leben einer jungen Frau.

Dann die nächste Hiobsbotschaft: Volkszählung. Ein jeder muss in seine Herkunftsstadt gehen, um sich schätzen zu lassen. Also nach Bethlehem! Das sind zu Fuß mehrere Tage – und hochschwanger noch viel länger. Die erste Geburt irgendwo in der Fremde, ohne ihre Familie als Beistand, nur mit Josef an der Seite. Die Reise, die jetzt hinter ihr liegt, war mehr als beschwerlich: Der Rücken tat weh, auch die Füße, es ging immer langsamer voran, immer die Angst, dass das Kind zu früh kommt, irgendwo auf dem Weg. Maria war bloß noch nach Heulen zumute. Endlich, endlich dann in Bethlehem angekommen. Maria will nur noch ein Lager, um sich auszuruhen. Aber es gibt keins! Alle Herbergen sind dicht. Total überfüllt wegen der Volkszählung. Sie landen in einem Verschlag. Ein Unterstand für Tiere. Viel zu kalt und schmutzig, aber Weitersuchen geht nicht, das Kind kommt. Maria hat Angst. Diese Geburt ist so anders als geplant, ganz anders als erwartet.

Dieser Tag heute – er war schon immer angefüllt mit Erwartung, mit Sehn­sucht, mit großer Hoffnung. Aber große Erwartungen kreieren auch großen Druck. Und nicht erst jetzt in diesem Corona-Jahr wird manche Erwartung enttäuscht, gibt es Tränen an Heiligabend. Ich glaube, die gab es schon immer. Schon damals im Stall bei Maria.

Aber gerade weil es sie damals schon gab, weil schon damals alles anderes lief als geplant und erwartet, nämlich viel schwieriger– gerade deshalb ist die Weih­nachts­botschaft unverändert gültig, auch in einem schweren Jahr wie diesem. Wenn damals alles perfekt inszeniert gewesen wäre, wenn der Retter Israels – wie z.B. von den Weisen aus dem Morgenland erwartet – im Palast von Jerusalem zur Welt gekommen wäre und nicht bei einer verheulten Maria und einem hilflosen Josef, dann wüsste ich nicht so recht, wie dieser Heiland uns in unseren Tränen und unseren enttäuschten Hoffnungen heilen soll.

„Fürchtet euch nicht!“ singen die Engel als erstes. Das singen sie nicht nur Menschen, die alle Weihnachtsplanungen perfekt im Griff haben, sondern denen, die sich fürchten, denen, die enttäuscht sind, die schlechte Laune haben, denen nach Heulen zumute ist.
Auch denen, gerade denen verkünden sie große Freude!
Ein Kind ist geboren, der Heiland.
Einer der uns heil machen kann. Der unsere Enttäuschung heilen kann. Wir haben uns ge-täuscht, wenn wir glauben, Weihnachten hängt daran, dass wir alle als Familie zusammen sein können – so schön das auch ist. Wir haben uns ge-täuscht, wenn wir glauben, Weihnachten hängt an stimmungsvollen Gottesdiensten – so wichtig mir diese sind. In diesem Jahr wird uns diese Täuschung drastischer genommen als sonst. Ent-täuschung – vielleicht als Chance.

Ent-täuschung, dass nicht wir Weihnachten retten müssen oder können, nicht in den Familien und nicht mal in den Kirchen. Nicht wir retten Weihnachten, sondern Weihnachten rettet uns.
Und wenn Gott es schafft, den Heiland damals in einer total überfüllten Stadt zur Welt kommen zu lassen, als Kind eines sicher ziemlich überforderten Paares, dann wird Gott es auch schaffen, dass das Heil in unseren Herzen geboren werden kann.

Auch das wird sich vielleicht anders anfühlen, als wir erwarten. Vielleicht feiern Sie gerade heute einen ganz wunderbaren Heiligabend – ein bisschen stiller, leiser, dankbarer für das, was wir trotz allem haben. Vielleicht stellt sich die Weihnachtsfreude nicht so recht ein – vielleicht müssen wir geduldig sein, das Heilende langsam in uns wachsen lassen.

Von Maria und Josef wird nicht berichtet, dass sie das Kind glück­strahlend im Arm hielten, von den Hirten wird nicht gesagt, dass sie in Jubelrufe ausbrachen. Sie wundern sich. Und Maria bewegt die Worte in ihrem Herzen.

Ich glaube das ist es, was uns heilen und helfen kann. Nicht dass alles so läuft wie immer, selbst wenn wir das gerne so hätten. Sondern, dass etwas anders wird. Dass wir uns wundern müssen und können. Dass wir erstaunt sind, überrascht, etwas Neues entdecken, eben etwas Uner­wartetes.

Vielleicht stellen Annika und Torben in diesem Moment gerade fest, dass es ganz ok ist, allein zu feiern. Ohne großes Programm einfach nur mit Tannenbaum und Kerzen. Mit Weihnachtsmusik von CD. Mit Lea, die sich über ihre neue Puppe freut, obwohl das Geschenk alles andere als originell ist. Vielleicht stellen sie gerade fest, dass sie unendlich viel haben, weil sie sich haben, zwei gesunde Kinder, ein Spielzeug und Zeit. Und jemanden, der von CD singt: In excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe.

Ich könnte mir vorstellen, dass Annika diese Worte in ihrem Herzen bewegt wie einst Maria und dass das Heil geboren werden kann in dieser Nacht. In uns allen. Amen