Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wer versteht die Liebe?

Wer versteht die Liebe?

Predigt am 30. Oktober
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst zum 20. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Hohelied der Liebe 8,6-7

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

„Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Tauben hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead. Deine Zähne sind wie eine Herde geschore­ner Schafe, die aus der Schwemme kommen; alle haben sie Zwillinge, und es fehlt keiner unter ihnen. Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, alle Köcher der Starken. 5Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. Du bist schön, ganz wunderschön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir.“

So wird im Hohelied die Geliebte be­schrieben. Für mich hört sich das an wie ein Jahr­tausen­de alter Vorläufer mancher Instagram-posts von völlig idealisierten, gephotoshoppten weiblichen Körpern. Die perfekte Schönheit – Phantasiegebilde von manchen Männern, Vorbild für manche Frauen, die daran eigentlich nur scheitern können. Und sowas steht in der Bibel?

Das Hohelied ist zumindest an der Oberfläche ein weltliches Buch, altorientalische Liebeslyrik, ein Dialog zwischen Lieben­den, in manchen Versen bis an die Grenze der Pornografie. Als Liebeslied wurde es noch im ersten nachchristlichen Jahr­hundert in den Wirts­häusern gesungen. Was es in der Bibel zu suchen hat, beantwortet die jüdische Tradition damit, dass (ZITAT) „der Mensch liebt, weil und wie Gott liebt“. (Franz Rosenzweig). In den Synagogen wurde und wird das Hohelied beim Passah­fest gelesen, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Damit wird betont, dass Gott aus Liebe sein Volk aus der Gefangenschaft befreit und in Wüstenzeiten begleitet bis ins Land, wo Milch und Honig fließen. Die christliche Auslegungstradition knüpft daran an und beruft sich jahrhundertelang auf allegorische Interpre­tationen, d.h. es geht im Hohelied auf übertragener Ebene um Christus als Bräutigam und seine Braut die Kirche.

Egal wie man es auslegt: Eines ist klar: Es geht um die Liebe – und zwar in ihrer ganzen Ambivalenz. Das Hohelied idealisiert nicht einfach das Zusammensein der zwei Liebenden, es besingt auch die unerfüllte Sehn­sucht. Es geht auch um das Suchen und Nichtfinden, um das Anklopfen und unerhört Bleiben. Manches geschieht nur in der Phantasie. Gerade die zwei Verse aus dem Hohe­lied, die den Predigttext für heute bilden, unterstreichen diese Zweischneidigkeit:

Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme. Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, würde man ihn verspotten.

Die Liebe ist so ambivalent wie Feuer und Wasser: Beides ist nötig zum Leben und beides kann Leben vernichten. Liebe kann sein wie ein Rausch, der sprichwörtlich blind macht. Das mag höchste Glücks­gefühle auslösen, hat aber Menschen auch schon in tiefste Verzweiflung gestürzt. In der Liebe liegen Erfüllung und Enttäuschung, himmelhoch­jauchzend und zu Tod betrübt eng beieinander.

Wenn diese Sätze aus dem Hohelied bei Trauungen gelesen werden, dann hören das zumindest zwei, die im Liebesglück sind, die voll Zuversicht und Hoffnung sich ein Leben in Liebe versprechen. Und es hören viele andere, die sich mit den beiden freuen.

Hier und heute unter uns mag es auch die geben, die sich im Liebesglück befinden, die dankbar sind für eine lange ver­trauens­volle Be­ziehung, die Höhen und Tiefen erlebt und überlebt hat. Unter Ihnen sind bestimmt auch Menschen, die sich das wünschen, die das nie erlebt haben, die an und in Liebesbeziehungen gescheitert sind, deren Sehnsucht unerfüllt blieb. Oder auch Menschen, die nie die Sehnsucht nach einer stabilen, hetero­sexuellen Zweierbeziehung empfunden haben, die in unserer Gesellschaft so normativ ist. Homosexuelle Partnerschaften mögen inzwischen akzeptiert sein, die Wahl, allein zu leben, wird meist noch eher bemitleidet und als defizitär gewertet. Hier unter uns mag es auch Einsamkeit inmitten von Paaren geben oder Neid ver­partnerter Menschen auf die Freiheit Allein­lebender. Die Liebe – zumindest in ihrer konkret gelebten Form – sie ist und bleibt eben ambivalent.

Die Liebe ist wie eine feurige Glut und eine gewaltige Flamme – sagt das Hohelied. Sie wärmt, sie spendet Licht, sie zieht uns Menschen magisch an – und sie wirft, wie jedes Feuer, auch Schatten – sei es als Liebeskummer, Eifersucht, Ab­hängigkeit, Selbstverleugnung. Keine Beziehung ist perfekt und doch ziehen Paare ihre Kraft für die nötigen Kompromisse oder auch für die Bereitschaft zu vergeben aus der Liebe, die sich durch viele Wasser und Ströme nicht auslöschen lässt. Und in Trauergesprächen erlebe ich immer wieder, dass die Liebe stark ist wie der Tod. Manche sagen sogar: stärker, weil der Tod die Liebe nicht einfach beendet.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: „Literatur kennt nur zwei Themen. Die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz.“ Vielleicht könnte man dasselbe auch für Gottesdienste sagen. Denn Menschen beginnen nach Gott zu fragen, wenn sie von der Liebe oder dem Tod berührt werden. Ich meine damit nicht nur Menschen, die um eine Trauung oder Trauerfeier bitten, sondern uns alle, die wir hier sonntags sitzen, weil uns die wesentlichen Themen des Lebens umtreiben:
Bin ich liebenswürdig, bin ich liebensfähig?
Was zählt im Leben angesichts der Tatsache, dass es endlich ist?
Was trägt und hält im Leben und Sterben?
Kann das wirklich etwas anderes sein als die Liebe, die Liebe anderer Menschen und die Liebe Gottes?

Und spätestens dann wird deutlich, dass die Liebe nie eng­geführt werden kann auf die intime Zweierbeziehung. Dass es immer auch um die Liebe von Eltern zu ihren Kindern geht und umgekehrt. Dass die Zuwendung in engen Freundschaften manchmal haltbarer ist als das helle Feuer einer rauschenden Liebesbeziehung. Dass es auch um Nächstenliebe geht, ohne die unsere Gesellschaft nicht überleben kann. Und bei der Frage, woraus wir unsere Liebenswürdigkeit und Liebes­fähigkeit schöpfen, bleibt für mich als stärkste Antwort: die Liebe Gottes zu uns Menschen.

Die ganze Bibel ist im Endeffekt nichts anderes als eine Liebesgeschichte. Sie beschreibt die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, vor allem zu uns Menschen. Sie erzählt auch von dem Liebeskummer, den Gott immer wieder mit uns Menschen hat, wenn wir nichts von ihm wissen wollen. Sie zeigt die Ambivalenz dieser Liebes­beziehung zwischen Gott und Mensch, lotet sie bis in die Tiefen hinein aus. Das Buch Hiob z. B. ist ein verzwei­felter Kampf zwischen Gott und Mensch um ihre Liebe angesichts von Leid, Ungerechtigkeit und Tod. Es ist die Nagelprobe dafür, ob das auch stimmt, dass „viele Wasser die Liebe nicht auslöschen können noch Ströme sie ertränken“.

Wenn immer mal wieder – auch von mir – so etwas floskelhaft von Gottes bedingungsloser Liebe zu uns Menschen gepredigt wird – in den biblischen Ge­schichten gewinnt diese Floskel Tiefe, nimmt Farbe und Gestalt an. Gestalt vor allem in der Person Jesu, der nichts anderes getan hat, als davon zu reden und vorzuleben, dass die Liebe Gottes zu den Menschen stark ist wie der Tod, feurig, leidenschaftlich. Diese Liebe schafft im wahrsten Sinn des Wortes Leiden. Erzählt wird davon in den Berichten vom Leiden und Sterben Jesu. Vielleicht ist es DIE Geschichte schlechthin davon, dass die Liebe stark ist wie der Tod und stärker noch.

Die Bibel ist aber nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch mit allen Höhen und Tiefen. Auch zwischen­menschliche Liebe in all ihren Facetten wird beschrieben: Oft steht die Nächstenliebe im Vorder­grund, aber nichts wird ausgeblendet, nicht mal die die erotische Liebe. Würde das Hohelied in der Bibel fehlen, ein ganz wesentlicher Teil zwischen­menschlichen Liebens würde fehlen. Deswegen glaube ich, dass wir nicht nur der übertragenen Auslegung verdanken, dass diese Schrift in unserer Bibel überlebt hat, sondern auch dem Wissen, dass das mit dazu gehört zum mensch­lichen Lieben, auch wenn es bei weitem und glücklicher­weise nicht alles ist, was die Liebe zu bieten hat.

So viele Facetten der Liebe zeigt uns die Bibel – in so vielen Formen: in Erzählungen, in weisheitlichen Sprüchen, in den Ermahnungen der Briefe, in poetischen Texten wie den Psalmen oder eben dem Hohelied. Und doch kann man die Liebe nie ausloten, nie vollständig beschreiben. Kann man sie überhaupt erklären? Bepredigen? Auslegen?
Wer versteht die Liebe?
Wer versteht den Tod?
Poesie führt uns auch immer an die Grenzen des kognitiven Verstehens, genau wie die erotische Liebe das tut. Aber wir alle erleben Liebe – immer wieder: Mal als hell loderndes Feuer, mal wie eine leicht vor sich hin glimmende Glut. Menschliche Liebe mag auch verglimmen. Göttliche Liebe glücklicherweise nie. In diesem Vertrauen beten wir den Gott der Liebe an. Amen.