Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gottes Menschlichkeit

Gottes Menschlichkeit

Predigt am 9. Oktober
Pastor i.R.

Josef Kirsch

17. Sonntag n. Trin., 9. Oktober 2022

Predigt zu Jesaja 49, 1–6

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

als unser Predigttext geschrieben wurde, ging es dem Volk Israel sehr schlecht. 596/586 vor Christus hat das babylonische Heer Juda und Jerusalem in zwei Wellen überfallen. Die Stadt Jerusalem und der Tempel waren zerstört, die königliche Familie und ein Großteil der Bevölkerung wurde nach Babylon verschleppt. An den Wassern Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten, so beginnt der 137. Psalm. Aber die Großmachtkonstellation verschob sich im alten Orient; der persische Großkönig Kyros nahm Babylonien ein, und Israel konnte ab 536 wieder zurückwandern. Von dieser Möglichkeit haben viele keinen Gebrauch gemacht; sie hatten sich integriert und blieben im Lande. Das war nicht bedeutungslos, denn in diesen Kreisen entstand später der babylonische Talmud, korrekter müsste man sagen, der persische Talmud, eines der literarischen Hauptwerke des alten Israel. Die Geschichte Israels war immer ein Auf und Ab. Krieg und Frieden wechselten sich ab. Flucht und Verfolgung auf der einen Seite, Wohlstand und Integration auf der anderen. Der dunkle Höhepunkt der Verfolgung und Ermordung Israels war zweifellos gesetzt durch die Machthaber des 3. Reiches, so dass ernsthaft die Frage gestellt wurde, ob man nach Auschwitz überhaupt noch von Gott sprechen könne. Nicht zuletzt große Teile des Judentums tun dieses mit Leidenschaft bis zum heutigen Tage. Unser Predigttext stammt aus dem 49. Kapitel des Propheten Jesaja. Es stammt aber nicht von Jesaja. Jesaja lebte im 8. Jh. Die Kapitel 40–55 gehen auf einen unbekannten Propheten zurück, der den wissenschaftlichen Hilfsnamen Deuterojesaja, 2. Jesaja, erhalten hat. Und nun lese ich den Text:

Jes. 49, 1–6: Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf: Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott. Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wertgeachtet und mein Gott ist meine Stärke -, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erden.

Es ist das zweite der Gottesknechtslieder bei Deuterojesaja. Auch wenn wir nicht wissen, wer der Gottesknecht war – vielleicht der unbekannte Prophet, vielleicht das Volk Israel als ganzes –, so sind diese vier Lieder mit ihrer schmerzhaften Außenseite bei genauerem Hinsehen oder Hinhören doch von tiefster Menschlichkeit, Menschenfreundlichkeit gezeichnet. Und es ist nicht verwunderlich, dass die junge christliche Gemeinde nach Ostern bei der Suche nach der Bedeutung Christi immer wieder bei diesen vier Liedern hängengeblieben ist. Sie sagten: Wir wissen, wer der Gottesknecht war, der Gottesknecht ist eine Vorausschau auf Jesus Christus. Gerade beim vierten Lied: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen; die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, sah die Gemeinde die Ereignisse vom Karfreitag beschrieben. Wir sollten den Gottesknecht aber nicht so schnell in eine christliche Schublade stecken, sondern hören, was er damals seinen Landsleuten im Exil sagte und schauen, ob dieses auch für uns Bedeutung hat. Der Gottesknecht, dem wir begegnen, ist eine schillernde Persönlichkeit, er spricht sehr vollmundig und zugleich ist er verzweifelt. Hört, ihr Inseln und ihr Völker in der Ferne. Der Herr hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, er hat mich zu einem spitzen Pfeil gemacht. Der Verdacht stellt sich ein beim Hörer, das kann nicht gut gehen. Hier richtet sich einer an die ganze Welt mit scharfer Rede. Schwert und Pfeil spielen eine Rolle. Man hat die Vermutung, hier kommt Bedrohliches zur Sprache. Hier wird es Sieger und Verlierer geben. Fast könnte man an den Hochmut und auch die Beschränktheit heutiger Diktatoren denken. Der 1. Jesaja, 8. Jh., Kapitel 2 war da schon viel weiter: „Und Gott wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln; denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Eine gewaltige Botschaft, 8. Jh. vor Christus, wenn wir daran denken, mit welcher Brutalität und Menschenverachtung ein Land wie die Ukraine in unseren Tagen überfallen wurde. Und dann kippt das Bild in unserem Lied: Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, so spricht der Gottesknecht. Er ist absolut verzagt, er wendet sich an die Welt und kann nicht einmal den größten Teil der Israeliten überzeugen, ins Land der Väter zurückzukehren. Wir haben uns eingerichtet hier, wir haben nach 60 Jahren den größten Teil der Katastrophe bewältigt, was sollen wir in unserem völlig zerstörten Heimatland, so werden sie ihm entgegengehalten haben. Ende der Vorstellung, könnte der Gottesknecht sagen. Aber der Text nimmt eine ganz andere Wendung: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wieder zu bringen, sondern ich habe dich zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde, spricht Gott. Eine zweite Beauftragung, großartig und dennoch bescheiden; nichts klingt mehr durch von Schwert und Pfeil. Der Gottesknecht ist mit seiner Vollmundigkeit gescheitert, aber er ist nicht am Ende. Keine kriegerische Auseinandersetzung, keine missionarische Überheblichkeit klingt in der zweiten Beauftragung, sondern Leben und Heil. Ich finde das einerseits überraschend und andererseits sehr überzeugend. Kein Volk der Welt wurde in seiner Geschichte so verfolgt wie die Juden, durch kein Volk der Welt ist die Frage nach Gott in der Folge von Auschwitz so intensiv gestellt worden wie durch die Juden und zugleich gehört es zu den ältesten Völkern der Welt. Zugleich schuf das jüdische Volk so bedeutsame Texte wie die Gottesknechtslieder, als von unseren Vorfahren noch nicht die geringste Ahnung vorhanden war.

Es gibt ja drei moderne Ansätze, Religion zu begründen: der 1. Ist die Vernunft im Zuge der Aufklärung Kants und Lessings. Man kann die Welt in ihrer Tiefenstruktur, die Gleichwertigkeit aller Menschen nicht verstehen ohne die Frage nach Gott. Der 2. Ansatz ist die Ethik: Für viele Menschen eindrucksvoll ist immer noch christliches Verhalten, christliches Engagement. Der 3. Ansatz ist die Mystik: Gott ist in allem und wir haben teil an ihm. Der Glaube wird Mystik sein oder er wird nicht sein, hat ein berühmter katholischer Theologe (Karl Rahner) einmal gesagt. Es ist der Ansatz der modernen Spiritualität. Unser Gottesknechtslied hat noch einen anderen gewichtigen Punkt: Leben und Heil. Und dieses gilt nicht nur für Israel. Das wäre Gott zu wenig, sondern es gilt für alle Menschen bis an die Enden der Erde. Licht der Völker, das ist als Metapher nichts Anderes als Leben; Gottes Heil ist nichts Anderes als Frieden. Im 6. Jh. vor Christus wird hier eine Vision von menschlichem Zusammenleben entwickelt, die überwältigend ist und die im 21. Jh. alles Andere als verwirklicht ist. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, das heißt, jeder Mensch hat das Recht, sich zu verteidigen, wenn er angegriffen wird. Aber jeder Versuch, einen Überfall theologisch zu rechtfertigen, wie es der orthodoxe Patriarch von Moskau versucht hat, ist das Ende der Theologie und wird zum blasphemischen Geschwätz.

Unser Text vom Leben für alle und vom Heil bis an die Enden der Erde schließt jeden Überfall aus, schließt auch jeden missionarischen Hochmut aus. Er gesteht jedem das Recht und die Möglichkeit zu, neben seinem andersdenkenden Nachbarn friedlich zu leben, und zugleich ist dieses genau der Wahrheitsanspruch von Judentum und Christentum. Es ist kein Wunder, dass die frühe christliche Gemeinde genau in den vier Gottesknechtsliedern eine Vorausschau auf Jesus Christus gesehen hat. Der Gottesknecht ist berufen, am Ende für das Licht, und das heißt, für das Leben der Völker Verantwortung zu tragen, damit Gottes Heil bis an die Enden der Erde reiche.

Wohin geht unsere Reise als Christen 2022? Genau in diese Richtung, hier vor Ort und global für das Leben aller Völker und das Heil Gottes bis an die Enden der Erde einzustehen. Es geht um den Mehrwert der Liebe, die stärker ist als der Tod.

Und der Friede Gotte, der höher ist als alle unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.