Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Zu wem gehörst du?

Zu wem gehörst du?

Predigt am 24. Juli
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 6. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Römer 6, 3-8

Predigttext:

Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. (Römer 6, 3-8)

Predigt:

Als ich 7 Jahre alt war, zogen meine Eltern aufs Land. In ein mittelgroßes Dorf. Sie waren das, was man dort im Badischen „Noigschneite“ nennt – Hereingeschneite, also Zugezogene. Mein Schulweg führte mich durch das ganze Dorf. Und immer wieder sprachen mich wildfremde Leute an und fragten: „Zu wem käschen du?“ auf Deutsch: Zu wem gehörst du denn? Die Frage hat mich am Anfang – nicht nur wegen des Dialektes – ratlos gemacht. Aber bald habe ich gelernt, was die richtige Ant­wort war, nämlich: Busse. Mein Name. Die Frage war eigentlich „Wer bist du?“ Und wer ich bin, das definiert sich eben darüber, zu wem ich gehöre: Damals zu diesem Ehepaar Busse, was im Neu­baugebiet eines der ersten Häuser bezogen hatte. Identität hängt an Zugehörigkeit habe ich als 7-Jährige von den Dorfbewohnern gelernt.

Zu wem gehörst du? Wie würden Sie diese Frage spontan beantworten?
Gehören wir in erster Linie zu unserer Familie, zu denen, deren Namen wir tragen?
Zu denen, deren Sprache wir sprechen, vielleicht auch deren Dialekt.
Zu unserem Millieu mit ähnlichem Bildungs­grad und Wohl­stand? Zu unserer „Blase“ also?
Zu denen, mit denen wir grundlegende Überzeugungen teilen?
Oder zu jenen, mit denen uns ein gemeinsamer Glaube ver­bindet, die sich wie wir Christen und Christinnen nennen?

Der Grundstein für diese Zugehörigkeit wird in der Taufe gelegt. Taufe bedeutet ganz formal: Aufnahme in die christliche Gemeinde. Dazugehören. Mitglied sein. Nur mit dem Mitgliedsein ist es so eine Sache – wie wir vor kurzem bei der Sylter Promihochzeit erleben durften. Denn die Kirchen­mitgliedschaft lässt sich ja auch wieder beenden. Heißt aus der Kirche austreten, ich beende auch mein Christsein? Wenn ich die Kirchensteuer sparen will, bin ich dann keine Christin mehr? Wenn mich etwas an der Institution Kirche ärgert und ich das nicht mittragen kann, bin ich dann kein Christ mehr?

Wenn Menschen sich hier in unserer Gemeinde für eine Trau­ung oder ihre Kinder für die Taufe anmelden, schreiben sie ins Anmeldungsformular bei „Religions­zu­gehörigkeit“ oft „evange­lisch“, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten sind und damit eigentlich „konfessionslos“ ins Formular eintragen müssten. „Konfessionslos“ aber scheint ihnen gar nicht als Beschreibung für sich selbst zu passen. Und als Grund höre ich dann oft: „Aber ich bin doch getauft!“ Obwohl ausgetreten, fühlen sie sich weiter zugehörig. Es gehört zu ihrer Identität.

Theologisch gesehen haben sie nicht ganz unrecht. Die Taufe ist unverwüstlich, also nicht rückgängig zu machen, immer gültig. So schreibt es Paulus in seinem Brief an die Römer, aus dem wir vorhin einen Aus­schnitt gehört haben. Dort beschreibt Paulus die Taufe als eine Sache von Leben und Tod: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft. So sind wir mit ihm begra­ben durch die Taufe in den Tod, damit – wie Christus auferweckt ist von den Toten – auch wir im neuen Leben wandeln.“

Die Taufe als Tod des alten Menschen, als Beginn eines ganz neuen Lebens. Wer damals Paulus Zeilen gelesen hat, hatte das vor Augen: Taufe hieß, ein Erwachsener wurde komplett untergetaucht, ersäuft sozusagen, und kam dann als neuer Mensch, sauber und rein, wieder an die Wasseroberfläche – wie neu geboren. Das war damals nicht nur ein symbolischer Akt. Man starb zwar keinen biologischen Tod, aber durchaus einen biografischen. Wer sich damals durch die Taufe der neuen jüdischen Bewegung der Jesus-Anhänger zugehörig bekannte, für den begann ein neues Leben. Wir wissen aus den histori­schen Berichten, dass es für Getaufte nicht weitergehen konnte wie zuvor, dass diese Entscheidung manchmal ganze Familien entzweite, dass man dann eben nicht mehr zur leib­lichen, sondern zur geistlichen Familie gehörte. Die sozialen Spielregeln, die den Alltag zuvor bestimmt hatten, wurden außer Kraft gesetzt: Schranken zwischen Juden und Heiden, Sklaven und Freien, Männer und Frauen entfielen. Schlimmsten­­falls musste man mit Diskriminierung und Verfol­gung rechnen. Taufe war also ein einschneidendes Ereignis, ein Akt von Leben und Tod. Und die Frage nach dem „Zu wem gehörst du?“ wurde neu beantwortet: Zu Jesus Christus und zu all denen, die sich nach ihm ebenfalls Christen und Christ:innen nennen.

Das alles hat auf den ersten Blick wenig mit dem zu tun, wie wir heute Taufe feiern. Es ist bezeichnend, dass von dem symbo­lischen Akt des Untertauchens bei uns nur noch ein paar Tröpf­chen Wasser auf den Kopf übriggeblieben sind. Ein Baby oder Kleinkind, dessen Leben gerade begonnen hat, stirbt keinen bio­grafischen Tod, es ändert sich faktisch nichts. Familien, die ihre Kinder zur Taufe bringen, sprechen nicht vom Sterben und Auferstehen Christi, sie wünschen sich schlicht den Segen Gottes, seine Bewahrung und Begleitung – und auch, dass das Kind mit christlichen Werten aufwächst. Und da wiederum, finde ich, sind wir doch eigentlich gar nicht so weit von Paulus entfernt. Denn auch da geht es darum: Zu wem gehörst du? Wessen Kind bist du?

Taufe ist heute kein radikaler Bruch mehr mit alten Lebens­bedin­gungen, wir wachsen in den Glauben hinein, werden darin sozialisiert, und manchmal wachsen Menschen auch wieder hinaus. Das sind keine dramatischen Entscheidungen, sondern Entwicklungen, Übergänge. Aber der Kern bleibt, nämlich die Frage: Zu wem gehöre ich? Wessen Kind will ich sein?

Es ist schön, zu jemanden zu gehören. Ich glaube sogar, es ist lebensnotwendig: Kein Mensch will nur auf sich selbst zurück­geworfen sein. Wir sind Beziehungswesen, wir brauchen Zuge­hörigkeit. Menschliche Beziehungen, selbst familiäre, sind brüchig. Nicht jede Ursprungsfamilie bietet den schützenden Rahmen, den Kinder brauchen, nicht jede Ehe hält. Familien scheitern und zerfallen. Menschen fallen aus Blasen heraus, aus Milieus. Manche verlieren – wie z.B. Geflüchtete – auch Vaterland und Mutter­sprache. Die Taufe dagegen ist unver­wüstlich. Sie verspricht eine Bindung, die hält und bleibt – die in Leben und Tod hält und bleibt. So Paulus.

Aber wie immer ist Paulus sehr theoretisch und schmeißt mit großen Vokabeln und abstrakten Gedanken­gängen um sich, die mühsam zu übersetzen sind, z.B. seine Rede von der Sünde. In der Taufe sind wir der Sünde gestorben, „so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen.“ Es gab Zeiten in der Kirchen­geschichte, als sich Gläubige erst auf dem Sterbebett haben taufen lassen, damit sie nach der Taufe ja nicht mehr sündigen konnten. Von Kaiser Konstantin dem Großen wird das z.B. behauptet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Paulus das so gemeint hat. Natürlich machen auch Menschen, die getauft sind, Fehler, scheitern, werden schuldig. Es geht nicht um moralische Ver­fehlungen. Es geht um die Frage, zu wem ich gehöre. Das Wort Sünde kommt von ab-sondern, sich von jemandem trennen – in diesem Fall von Gott. In der Taufe bietet Gott uns seine Be­ziehung an. Dieses Beziehungsangebot ist und bleibt gültig. Wir sind Gottes Kinder. Auf göttlicher Seite bleibt diese Beziehung bestehen, sie kennt keine menschlichen Grenzen – außer unseren eigenen eben. Gott verlässt uns nicht, wenn wir ihn verlassen. Aber es mag sein, dass wir ihn dann nicht mehr in unserem Leben spüren, wenn wir uns ab-sondern. Ich glaube, das meint Paulus mit Sünde.

Soviel zur abstrakten Tauftheologie. Wenn ich überlege, wie sich das mit konkretem Leben füllt, dann muss ich an eine Frau aus einer meiner früheren Gemeinden denken. Sie war relativ jung Witwe geworden und hatte keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter. Irgendwelche Konflikte muss es da wohl gegeben haben, sie wollte nicht darüber sprechen. Aber sie hat oft über das Gefühl gesprochen, zu niemandem zu gehören. Sie kam relativ regelmäßig in den Gottesdienst, getrieben von dem Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Einmal sagte sie, sie habe Angst, sich selbst zu verpassen, nicht sagen zu können, wer sie sei. Ehefrau sei sie schon lange nicht mehr, Witwe war für sie nur ein Begriff, der den Mangel definierte, als Mutter habe sie versagt, berufstätig war sie aus Alternsgründen auch nicht mehr. Sie hatte Angst, auf die Frage: „Zu wem gehörst du denn?“ keine Antwort zu wissen, und so wiederholte sie mantra-artig: „Ich bin ein Kind Gottes“. Nach dem Gottes­dienst ging sie jedes Mal zum Taufbecken und legte die Hand darauf. Es war fast eine magische Handlung. Als ob das Kind­sein Gottes sich durch die Berührung mit dem Stein bewahr­heiten könnte. Und immer wenn Taufe gefeiert wurde, konnte ich sicher sein, dass sie zum Gottesdienst kam und alles aufge­sogen hat, was ich oder andere zur Taufe gesagt haben.

Natürlich ist die Pointe der Taufe, dass wir zu Gott gehören, dass es etwas über uns, über jede und jeden von uns zu sagen gibt, was über das hinausgeht, was wir uns selbst sagen können, was andere über uns sagen, nämlich: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Und doch blieb bei mir oft das Gefühl, dass diese Sätze, nach denen die Frau so be­dürftig war, vom Kopf gar nichts ins Herz wandern konnten.

Einmal habe ich sie ganz anders erlebt: Das war auf einem Gemeindeausflug. Wir waren in eine Klosterruine gefahren, hatten dort eine Führung bekommen, gemeinsam im Garten gepicknickt und waren dann zum nächsten Dorf gewandert. Sie war mittendrin, spielte mit den Kindern, war angeregt im Ge­spräch mit anderen Teilnehmerinnen, schenkte beim Pick­nick den Kaffee aus den Thermoskannen aus und schien so gelöst, wie ich sie in der Kirchenbank nie erlebt habe. Ich denke, dass ihr ganz schlicht die Gemeinschaf gutgetan hat. Sie gehörte dazu – zu dieser Gemeinde. Dazu musste sie nicht Mutter oder Ehefrau oder Physiotherapeutin sein, sondern einfach mit dabei.

Kind Gottes sein – das lässt sich nicht immer mit Leben füllen, wenn wir es rein bilateral zwischen Gott und uns aushandeln. Es wird lebendig und anschaulich und spürbar in der Gemein­schaft derer, die Kinder Gottes sind. Und deswegen glaube ich, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft eben doch nicht be­liebig ist. Dass es nicht nur ein formaler Akt ist, dass die Taufe die Kirchenmitgliedschaft begründet.

Auch Gemeinden sind keine perfekten Gemeinschaften, man kann sich auch unter Christen und Christ:innen einsam fühlen. Und doch erlebe ich immer wieder, wie das, was uns in der Taufe versprochen ist, in einer Gemeinde gelebt wird: Wenn wir beim Kirchenkaffee miteinander schnacken, wenn man sich auf der Straße erkennt und grüßt, wenn man über unterschiedliche Ansichten diskutiert, weil sich die Blasen und Überzeugungen dann auch mischen, wenn Menschen sich ehrenamtlich ein­bringen, weil ihnen daran gelegen ist, dass in dieser Gemeinde Feste gefeiert und Veranstaltungen stattfinden können. Wenn wir gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen.

Dieser Sonntag erinnert uns daran, was es heißt, getauft zu sein: Wir gehören dazu. Wir gehören zu Gott, der uns bei unserem Namen ruft. Und wir gehören zur Gemeinschaft derer, die in Jesus Christus ihren Namen gefunden haben. Amen.