Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Zwischen Himmel und Erde

Zwischen Himmel und Erde

Predigt zu Christi Himmelfahrt 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Christi Himmelfahrt, 13. Mai 2021

Predigt zu Epheser 1,1.20–23

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Himmelfahrt – und wir können nicht draußen Gottesdienst feiern, wie wir es gehofft haben, sondern sind in der Kirche. Sehen nicht den Maihimmel über uns, sondern die farbigen Fenster und das Kirchengewölbe. Das auf seine Weise auch ein bisschen an den Himmel erinnert: das hochaufstrebende Kreuzgewölbe dem hohen Himmelszelt nachempfunden, mit Sternen verziert, im Chorraum, nah dem Allerheiligsten, mit singenden Engeln.

Unsere Kirche ein zum Himmel aufragendes Gotteshaus, das einem das Gefühl einer Verbindung zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch geben kann.

Umgangssprachlich reden wir viel vom Himmel: Wenn wir verliebt sind, schweben wir im 7. Himmel, oder der Himmel hängt uns voller Geigen. Wenn uns etwas gut schmeckt, ist es ein himmlischer Genuss. Wollen wir etwas erreichen, setzen wir gelegentlich Himmel und Hölle in Bewegung. Manchmal lügen wir auch das Blaue vom Himmel herunter. Und wenn wir rundum glücklich sind, kann es der Himmel auf Erden sein.

In unserer Alltagssprache ist der Himmel ein Begriff, den jeder versteht, meistens positiv konnotiert.

Aber zugleich liegt der Himmel auch jenseits unserer Vorstellungskraft. Ist mit dem Wort Himmel auch eine unerreichbare Sphäre, ein Sehnsuchtsort verbunden. Das Englische markiert dies mit dem feinen Unterschied zwischen sky und heaven: der annähernd greifbare, konkrete Himmel über der Erde, und der geheimnisvolle jenseitige Himmel, Gottes Sphäre.

Von diesem Andersort, dieser Gegenwelt zu unserem irdischen, zeitlichen Leben, reden wir meistens in Liedern, Gedichten oder Hymnen. „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“, hat Friedrich Schiller gedichtet, „wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“

Unser Predigttext heute mag einem nicht sonderlich poetisch erscheinen, sondern vielleicht eher trocken, aber es ist auch ein Hymnus, der den Himmel beschreibt. Im griechischen Text ein einziger Satz über viele Verse, so als sollten wir schon beim Zuhören ein Gefühl für die Länge und Weite des Himmels, für seine Unendlichkeit bekommen…

Predigttext

Gott hat Christus von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Der Epheserbrief malt den Himmel von oben nach unten aus. Gott hat Jesus Christus aus dem – unterirdisch vorgestellten – Totenreich auferweckt und oben im Himmel zu seiner Rechten eingesetzt. Die Begriffe entstammen politischen Machtverhältnissen: Wie ein Statthalter sitzt Christus zur Rechten Gottes, der Macht hat über alle Oberhäupter, Mächte und Herrscher, über alles, was Rang und Namen hat jetzt und in Zukunft.

Ein königliches Szenario: Gott als allmächtiger Herrscher wie auf einem Thron, Christus als sein Stellvertreter zu seiner Rechten. Ein großer, starker Gott, der über alles regiert.

In vielen Chorälen wird dieser königliche Gott besungen: „Großer Gott, wir loben dich. Herr, wir preisen deine Stärke“ oder „Lobe den König, den mächtigen König der Ehren“ oder auch in Bachs Weihnachtsoratorium „Großer Herr und starker König“.

Vorstellungen eines Herrschergottes, die einen einschüchtern und auf Abstand bringen können. Der große und mächtige Gott ist auch ein distanzierter Gott. Weil Macht Distanz schafft, keine Nähe zulässt. Weil Macht den Überblick behalten will und Raum braucht, um sich zu entfalten.

Das kennen wir: wenn mächtige Menschen einen Raum oder eine Bühne betreten und sich einerseits sogleich alle Augen an sie heften und andrerseits ein körperlicher Abstand eingenommen wird.

In unserer Sehnsucht nach dem Himmel als Gottes Sphäre mag auch der Wunsch mitschwingen, etwas von Gottes Macht aus der Nähe zu erleben und ihrer teilhaftig zu werden.

Denn tatsächlich erleben wir ja Gott im Alltag oft als fern. Vermissen wir, dass er unmittelbar in unsere Welt eingreift: Raketen aufhält, Reissäcke vom Himmel fallen lässt, Rettungsboote über das Meer geleitet, Impfstoffe gerecht verteilt… Meistens scheint Gott irgendwie weit weg zu sein und nur wie von oben auf unsere Welt zu schauen.

Das kann schmerzlich sein, verunsichernd. Wozu brauchen wir so einen Gott?

Vielleicht ging es den ersten Christen auch schon so – und unser Predigttext aus dem Epheserbrief besingt umso lauter die Macht und Möglichkeiten dieses als distanziert erlebten Gottvaters.

Die sog. dialektische Theologie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch einmal einen anderen Zugang zu dem fernen Gott gefunden. Junge evangelische Theologen, wie Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, haben formuliert: Gott ist nie ganz so, wie wir ihn gerne hätten, sondern immer auch ganz anders, als wir ihn uns vorstellen. Denn Gott ist Gott, und wir sind Menschen. Zugespitzt in der Formel: Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht. Denn er wäre sozusagen ein Machwerk der Menschen.

Ich würde sagen, wir können ja nicht anders, als uns als Menschen Gedanken über Gott zu machen. Aber zugleich tut es uns gut, uns daran zu erinnern, dass Gott – zumindest teilweise – auch ganz anders ist, als wir denken.

In gewisser Weise bietet uns der Predigttext auch dafür – für das Anderssein Gottes – ein Bild an. Bleibt der Hymnus nicht bei der Vorstellung des Herrschergottes stehen, sondern sagt am Schluss: Gott hat ihn zum Haupt über alles gesetzt, was sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. (V. 23)

Einerseits herrschen Gottvater und Gottsohn von Ferne über alles – andrerseits erfüllt Gottes Geist die ganze Schöpfung. „Alles in allem“ ist von Gott erfüllt und durchdrungen. Gott unsichtbar, fluide, allgegenwärtig und nah.

Auch diese Dimension Gottes wird in Liedern besungen: „Gott ist gegenwärtig“, „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ oder „Morgenglanz der Ewigkeit“.

Gott ganz nah, wie er in Jesus Christus ein Kind, ein Mann geworden ist, nicht mächtiger, sondern eher schwächer als andere Menschen. Wehrlos, arm und am Kreuz gescheitert. Wer ihm nachfolgen will, soll ein Diener, eine Dienerin der Menschen werden.

Auch an diesem Gottesbild kann man sich mitunter abarbeiten. Sich fragen, was so viel Demut und Dienst denn bringen, ob uns dieser Glaube nicht schwächt, Christen nicht Naivlinge sind?

Die politische, auch die feministische Theologie hat sich – wie in einer Reaktion auf die dialektische Theologie – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem an diesen menschgewordenen Gott gehalten, den Menschensohn, der mit und unter uns lebt, der wirksam wird in menschlicher Gemeinschaft und im christlichen Handeln. „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun“, wie es in einem bekannten Gebet heißt. Überall ist Gott, wo in seinem Geist gehandelt, gedacht und gebetet wird, wo sein Heiliger Geist alles erfüllt.

Himmelfahrt – das ist das Fest, das beides zusammenführt: Gott im Himmel, vielleicht wie auf einem Thron, von Engeln umgeben, mächtiger als alle Potentaten dieser Welt – weit weg und ganz anders. Und Gott auf der Erde, gegenwärtig in der Schöpfung, in und zwischen Menschen, in der Welt – ganz nah.

Himmelfahrt beschreibt bildlich, wie beides zusammengehört. Wie Jesus Christus die Grenze zwischen oben und unten, Gott und Mensch, jenseitiger und diesseitiger Welt durchbricht und den Himmel öffnet, sodass nun wirklich alles zu Gottes Reich gehört und von Gottes Gegenwart durchdrungen ist.

Am ehesten lässt sich dies für mich in Gottes Macht der Liebe zusammendenken. Wenn ich mir, wenn wir uns vorstellen: Wir sehen einen der Menschen an, die wir am meisten lieben. Da gibt es auch zuerst den Moment des Erkennens, des Gegenüber- und Anders-seins. Ich erkenne den, die andere, weil sie eben anders ist als die anderen, auch anders als ich selbst. Weil ich ihn unterscheiden, weil ich sie schon von Weitem, mit Abstand ausmachen kann. Und dann, wenn wir einander begegnen und in die Augen schauen, beginnen wir, von ihr oder ihm wie erfüllt zu werden. Die Grenzen lösen sich auf. Wir fühlen wie oder mit dem anderen, kommen uns nah.

Das ist vielleicht die charakteristische Bewegung des Himmels – und auch der Liebe: aus der Ferne in die Nähe, aus dem Moment in die Ewigkeit.

Gottes Macht, die im Himmel wie auf Erden herrschen soll, ist die Liebe. Sie ist der Himmel auf Erden. Und manchmal wünschten wir, sie hätte mehr Kraft, könnte Herrscher, Gewalten und Verantwortliche noch stärker bewegen, zu mehr Frieden und Gerechtigkeit. Und manchmal wünschten wir, sie wäre einfach überall da, im liebevollen Miteinander zwischen den Generationen, zwischen uns Menschen und unserer Mitschöpfung. Mal erscheint uns die Liebe überwältigend und unausweichlich – und mal alltäglich, banal, vielleicht zu schwach.

Und doch ist sie immer und überall da: Gottes unverfügbare Macht, an der wir Anteil haben im Himmel wie auf Erden. Amen.