Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kunst in der Karwoche: Jesus in Gethsemane

Kunst in der Karwoche: Jesus in Gethsemane

Impuls am 31. März 2021

Passionsandacht am 31. März 2021
Pastor Christof Jäger

Impuls zum Gethsemane-Kirchenfenster der Kirche St. Johannis-Harvestehude

Selten ist mir Jesus so nah, wie in der Szene im Garten Gethsemane. Das kenne ich aus meinem Leben: Ich sehe mich vor eine Aufgabe gestellt. Ich habe sie mir weder ausgesucht noch gewünscht. Die Bewältigung scheint unmöglich, sie ist zu schwer. Nirgends kommt mir Hilfe.

Vielleicht ist es der endgültige Abschied von einem lieben Menschen, ohne den das weitere Leben leer und sinnlos scheint. Vielleicht ist es die Verantwortung für andere, deren Schwere mich überfordert. Vielleicht sind es meine eigenen Anforderungen an mich. Manchmal sind die eigenen Ansprüche härter als alle Anforderungen von außen. In meiner Verzweiflung wende ich mich an Gott. Doch kein Wunder geschieht. Die Aufgabe bleibt.

Jesu Gebet vor seiner Verhaftung wird von drei Evangelien berichtet. Bei Markus und Matthäus bittet Jesus dreimal darum, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge. Doch seine Bitten bleiben unerhört und seine Jünger schlafen statt mit ihm zu beten, wie er es gewünscht hatte.

Lukas berichtet die Geschichte etwas anders. Jesus spricht seine Bitte nur einmal aus: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Die Jünger sind einen Steinwurf entfernt.

Jesus steht allein vor Gott in der Schwärze der Nacht. In der Darstellung des Kirchenfensters hier in St. Johannis wird diese Einsamkeit spürbar, wenn ich nur den linken Teil des Bildes betrachte. Jesus kniet allein in der Schwärze, die seinen Kopf umgibt. Seine Hände sind leicht geöffnet und nach oben gerichtet. Sein Blick folgt der schwarzen Linie im Heiligenschein, der ihn umgibt. Die Miene erscheint ernst und gefasst. Das rote Kreuz deutet auf die drohende unmittelbare Zukunft hin. Seine Gestalt füllt fast die ganze linke Hälfte des Bildes aus. In der Schwärze um ihn sind rot leuchtende Gebilde zu erkennen, die mich an den wie Blut geronnenen Schweiß aus der Geschichte erinnern.

Die Angst und Not Jesu, seine Einsamkeit und Verzweiflung wirken für mich wie abgelöst von seiner Person. Die Schwärze des Todes und die Blutstropfen umgeben ihn zwar, aber seine ruhige Miene scheint davon fast unberührt. So als wäre für ihn beides wahr: Wie jeder andere Mensch ist er voller Todesangst angesichts der Bedrohung der kommenden Tage. Gleichzeitig weiß er sich eins mit dem Willen seines Vaters und von ihm getragen.

Dieses rätselhafte Paradox finde ich auch auf der anderen Seite des Bildes. Hier herrscht fast drangvolle Enge verglichen mit der Seite Jesu. Von oben schaut ein Engel zu dem Betenden herab. Nur Lukas erzählt von diesem göttlichen Wesen zur Stärkung Jesu. Die Blicke der beiden schaffen eine Verbindung, die die Einsamkeit der linken Seite durchbricht. Jesus kniet zwar allein in der Nacht aber er sieht, dass er nicht bloß ins Nichts spricht. Allerdings entspricht der Engel nicht seiner Bitte und lässt den Kelch vorübergehen. Im Gegenteil: Er hält den Kelch bereit, dem Jesus so gerne ausweichen möchte.

Gottes Engel zeigt beides: Unterstützung und Kräftigung, aber auch das Schicksal, für das Jesus bestimmt ist. Um den Engel herum ist auch auf der rechten Seite noch ein wenig von der Schwärze und den Blutstropfen zu sehen. Doch seine Anwesenheit verdeckt zu einem Großteil die Dunkelheit.

Lukas hält zwar daran fest, dass Jesu Bitte um Verschonung nicht entsprochen wird, aber der Engel stärkt Jesus für seine Aufgabe. Auch darin möchte ich mich wiederfinden. Ich frage mich: Wer war für mich ein Engel und hat mich in kritischen Situationen gestärkt? Wann habe ich Kraft bekommen, um eine nicht abwendbare Last zu tragen?

In den unteren Zweidritteln der rechten Bildhälfte sind drei Jünger zu sehen. Ihre Körperhaltung steht in keinem Bezug zu Jesus. Sie scheinen zwar näher als einen Steinwurf bei Jesus zu sein, aber ihre Gruppe bleibt ganz für sich. Zwei haben ihre Augen geschlossen. Der Dritte ist nur von hinten zu sehen. Alle wirken bedrückt von Traurigkeit und Ernst. Jesus wird sie schlafend vor Traurigkeit finden.

Alle Energie und Zuversicht ist von ihnen gewichen. Für sie scheint er schon gestorben zu sein. Ich stelle mir vor, dass die Jünger nach dem Schrecken der Kreuzigung genau so beieinander gewesen sind: von großer Lethargie und Hoffnungslosigkeit überfallen, wie gelähmt und unfähig irgend etwas zu tun. Nicht nur die Verbindung mit Jesus ist unterbrochen. Auch die helle Engelserscheinung entgeht ihnen. Für sie bleibt die Nacht schwarz und dunkel. Selbst die Verbindung untereinander ist gestört. Zu dritt sind sie jeder für sich allein.

Mir ist auch diese Gefühlsregung vertraut. Lähmende Hoffnungslosigkeit und Lethargie erscheinen ganz natürlich, wenn alle Hoffnungen zunichte gemacht werden, wenn keine Perspektive sich zeigt, wenn alle Hilfe ausbleibt. Die Jünger veranschaulichen damit noch einmal auf eindrückliche Weise die eine Seite Jesu, die ihn ins Gebet getrieben hat.

Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!,

lässt ihn seine Angst und Verzweiflung beten.

Doch Jesus Gebet wird getragen von seiner Überzeugung, dass Gottes Wille geschehen wird – egal was auch immer kommen mag. Sein Gebet dient der Verbindung des eigenen Willens mit Gottes Willen. Im Symbol des Engels wird die Vielschichtigkeit dieser Übereinstimmung im Bild sichtbar.

Das empfiehlt Jesus auch seinen Jüngern, sowohl am Anfang der Geschichte wie auch an deren Ende. Das möchte auch ich lernen: meinen Willen eingebettet sehen in den Willen Gottes und immer mehr eins werden mit ihm.